Museum Langmatt - ganz unten

Mit bemerkenswertem Spürsinn öffnet Reto Boller in seiner neuen Arbeit eine überraschende Sicht auf das alte, kunsthistorische Thema des Sockels. Während eines kurzen Zeitfensters nach der Demontage des Baukrans und vor dem Abtransport der Sockel stellen sich hintergründige Fragen, ohne dass hierfür etwas neu gebaut oder umgebaut werden musste. An einem Ort von explizit kunsthistorischer Bedeutung verweisen die profanen Sockel auf die überkommene Pathosformel von Sockeln im Kunstkontext, um Wertvolles noch wertvoller erscheinen zu lassen. Der Titel «ganz unten» lässt hingegen an die Enthüllungspublikation von Günter Wallraff denken, der 1986 die Ausbeutung illegal eingeschleuster Arbeiter anprangerte. Der eigentliche Nutzniesser der Sockel ist jedoch verschwunden: der Baukran. Warum ist er nicht selbst zum Kunstwerk geworden und zieht es vor, abwesend zu schweigen? Ohne den Kran entfalten die Sockel eine bemerkenswerte skulpturale Präsenz und oszillieren zwischen der Minimal Art der 1970er Jahre und massiven Wegsperren zur Sicherung gefährdeter Gebiete.
«ganz unten» beleuchtet gesellschaftliche Bewertungsmassstäbe und bietet nicht ohne eine Prise Humor reichlich Stoff zum Denken und Diskutieren.
Reto Boller begleitet die Gesamtsanierung des Museums Langmatt im Rahmen seines prozesshaften Kunstprojekts. Bisherige Stationen: hier, 2023; Funzel, 2023; Exit, 2023; Siebte Säule, 2024;  Kolonnade 2025.

Material, Masse:
Vier Betonsockel (200 x 200 x 17 - 22cm)
Fotografie:
Erwin Auf der Maur, Zürich